Chirurgie
für die Kleinsten

Operationen von Kleinkindern

Eingriffe an kleinen Patienten

Die Operation von Neugeborenen und Kleinkindern stellt eine Herausforderung mit besonderem Aufwand dar. Neue Methoden und kleinteilige Anwendungen helfen bei den oftmals aufwendigen Eingriffen an den kleinen Patienten.

Kleiner Schnitt rettet Babys das Leben

Hanna hatte einen schweren Start ins Leben: Als das kleine Mädchen im Februar 2016 geboren wurde, hätte es ohne Operation nicht überleben können. Nach nur wenigen Tagen wäre Hanna gestorben. Bei dem Baby hatte sich der Enddarm im Mutterleib nicht normal gebildet, so fehlte die Verbindung durch den Schließmuskel hindurch nach außen. Eins von 3.000 Kindern ist von dieser Fehlbildung betroffen. In Deutschland werden pro Jahr 250 Babys damit geboren. Um Kindern wie Hanna schonend zu helfen, haben Kinderchirurgen aus der Universitätsmedizin Mainz ein neues OP-Verfahren entwickelt. Den betroffenen kleinen Patienten konnte bisher nur mit einer aufwendigen OP geholfen werden, bei der der gesamte Damm von vorne nach hinten geöffnet, der Schließmuskel gespalten und der Enddarm an der korrekten Stelle eingenäht wurde. Dank der neuen Methode können die Mediziner nun wirklich minimalinvasiv, also schonend, arbeiten. Aus einer bisher bis zu dreistündigen Operation wird ein Eingriff, der nur noch etwa eine Stunde lang ist.

„Mit der neuen Technik brauchen wir nur dort einen Hautschnitt zu setzen, wo wir den neuen Anus rekonstruieren wollen“, sagt Prof. Dr. Oliver Muensterer Leiter der Klinik für Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Mainz. Dabei wird der Enddarm unter endoskopischer Kontrolle direkt durch den Schließmuskel gezogen und mit der Analhaut vernäht.

„Der Schließmuskel bleibt intakt“, erklärt er. Das wirkt sich positiv auf den Heilungsverlauf aus: Kinder wie Hanna sind praktisch sofort nach der OP wieder fit und werden schon am selben Tag normal gefüttert.

Für diesen minimalinvasiven Eingriff ist eine spezielle Ausrüstung erforderlich. Unter anderem arbeiten die Mediziner an der Universitätsmedizin Mainz mit einem Endoskop, das für die Behandlung von Babys ausgelegt ist. „Unseres hat nur sechs Millimeter Durchmesser“, sagt Prof. Muensterer. In der Universitätsmedizin Mainz gibt es für diese Operation einen multifunktionalen Operationssaal, in dem die Chirurgen während der OP die Bilder der Endoskopie und der Durchleuchtung gleichzeitig auf verschiedenen Monitoren sehen. Bisher wurden neun Babys mit der neuen Methode behandelt. Zwar fehlen noch Langzeitergebnisse zur Entwicklung der kleinen Patienten. Der Stuhlgang funktioniert jedoch bei allen gut. Auch Hanna hat den schweren Start ins Leben gut überstanden. Schon zwei Tage nach der OP konnte sie nach Hause. Inzwischen ist das kleine Mädchen aus den Windeln heraus und hat bislang keinerlei Schwierigkeiten beim Stuhlgang.

Großer Aufwand für kleine Herzen

Etwa jedes 100. Kind wird mit einem Herzfehler geboren und muss deshalb intensivmedizinisch betreut werden. Das Herz- und Diabeteszentrum NRW der Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum in Bad Oeynhausen (HDZ NRW) hat sich auf die Behandlung dieser Patienten spezialisiert. Rund 500 Kinder pro Jahr werden in der dortigen Klinik für Kinderherzchirurgie und angeborene Herzfehler operiert und bekommen damit eine Chance auf ein normales Leben. Das HDZ NRW zählt weltweit zu den erfolgreichsten Kinderherzkliniken.

Kilian kam mit dem sogenannten hypoplastischen Linksherzsyndrom zur Welt. Das bedeutet, dass nur eine komplizierte OP ihn retten konnte. Fünf Tage nach seiner Geburt wurde Kilian zum ersten Mal operiert. „Dieser erste Eingriff ist lebenswichtig, er stellt Körper und Lungendurchblutung mit nur einer Herzkammer und einem sogenannten Shunt sicher“, sagt die Herzchirurgin Oberärztin Dr. Ute Blanz. „Kinder mit schwerwiegenden Herzfehlbildungen haben aufgrund verbesserter Operationstechniken und genauerer Untersuchungsmethoden heute deutlich bessere Prognosen als noch vor 20 Jahren.“ Das liegt auch daran, dass bei diesen Operationen Mediziner unterschiedlicher Fachbereiche zusammenarbeiten.

Die Expertise der Mediziner in Bad Oyenhausen hat auch Kilian geholfen. Nach drei Monaten wurde der kleine Junge erneut operiert. Dank eines künstlichen Herzens konnte er weiterleben und auf ein Spenderherz warten. Kein Normalfall in der Klinik. Denn bei Babys und Kleinkindern ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Spenderorgane sehr niedrig. Ein Jahr haben Kilian und seine Eltern gewartet. Zwölf Stunden dauerte die Operation – ein Kraftakt für die Mediziner. „Bei angeborenen Herzfehlern ist die Anatomie jedes einzelnen Patienten so komplex, dass wir individuelle Therapiekonzepte brauchen“, sagt Dr. Ute Blanz. Dies mache eine Transplantation so extrem vielschichtig und kompliziert. Bei Kilian ist alles gut gegangen.

Vor wenigen Wochen hat er seinen dritten Geburtstag gefeiert. Gern und oft spielt er mit seinen beiden Schwestern. Trotzdem wird er Zeit seines Lebens auf Medikamente und eine sehr sorgfältige medizinische Nachbetreuung angewiesen sein. Regelmäßig muss er zur Kontrolle ins Krankenhaus. „Kilian ist gut gewachsen und hat sehr aufgeholt“, sagt seine Ärztin.

Wie das virtuelle Herz Ärzten hilft

Angeborene Herzfehler beschäftigen auch die Wissenschaftler und Mediziner aus dem Universitätsklinikum Tübingen. So wie Kilian kommen pro Jahr rund 300 Kinder in Deutschland mit dem hypoplastischen Linksherzsyndrom auf die Welt. Ohne Operation haben diese Kinder keine Überlebenschance und selbst nach einem Eingriff sterben 15 bis 20 Prozent der betroffenen Babys. Um die Überlebenschancen der Kinder zu steigern und ihnen gleichzeitig eine Chance auf eine bessere Entwicklung zu geben, beteiligen sich die Tübinger am „Living Heart Project“. Wissenschaftler und Mediziner aus Deutschland, den USA und Frankreich entwickeln darin eine Software, mit der eine individuelle Simulation des betroffenen Herzens im Computer entsteht. „Damit können die Chirurgen sich auf die Operation vorbereiten und den Eingriff besser planen“, sagt Prof. Dr. Dr. Christian Schlensak, Leiter der Universitätsklinik für Thorax-, Herzund Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Tübingen.

Bei dem kleinen Leon, der Anfang 2018 in Tübingen behandelt wurde, hat dies schon gut funktioniert. Der kleine Junge kam ebenfalls mit einer schweren Fehlbildung des Herzens zur Welt. Die Mediziner mussten während einer hochkomplizierten Operation seine nicht vorhandene Lungenschlagader herstellen. Das virtuelle Herz hat dabei geholfen. Dank des Modells konnten die Chirurgen vorher sehen, wie sich das Herz verhält, wie stark der Blutfluss in einzelnen Teilen des Herzens ist, wie sich der Blutdruck in den Gefäßen entwickelt und wie groß das benötigte Implantat sein muss. Das virtuelle „Herz vereint die detaillierte Anatomie mit den physiologischen Eigenschaften des echten Organs“, sagt Assistenzarzt Attila Nemeth. So erkennen die Chirurgen, wie sich einzelne Handgriffe während der Operation auswirken würden.

Noch wenden die Tübinger das virtuelle Herz nur in Einzelfällen an. Die Software für die Anwendung wird weiter ausgebaut. So könnten bald auch Kinder mit anderen angeborenen Herzfehlern davon profitieren. Dafür arbeiten Mediziner aus der Neonatologie, pränatalen Diagnostik, Kinderkardiologie und Herzchirurgie zusammen. Ziel ist es, auf Basis des virtuellen Herzens im Computer die Vorlage für individuelle und maßgeschneiderte Implantate anzufertigen, auch in der Erwachsenen-Herzchirurgie.


Herzchirurgin Oberärztin Dr. Ute Blanz hat den kleinen Kilian operiert. Dank eines Spenderherzens hat der Junge überlebt.