Vom Hörsaal
ans Krankenbett

Fachkräfte am Krankenbett

Uniklinika als Wegbereiter

In den Pflegeberufen gibt es seit einigen Jahren intensive Bestrebungen, den Anteil akademisch ausgebildeter Fachkräfte zu erhöhen und diese direkt am Krankenbett einzusetzen. Wegbereiter sind die Universitätsklinika.

Der Arbeitstag von Renate Kunz beginnt meist in ihrem Stationsbüro in der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn. Dort warten die alltäglichen Aufgaben einer Stationsleitung auf die 56-jährige Krankenschwester – und jede Menge Überraschungen. Denn wenn das Telefon klingelt, nimmt der Tag oft eine andere Wendung als geplant. Immer dann, wenn Kollegen irgendwo im Klinikum ihre Hilfe bei der Unterstützung von Patientenangehörigen brauchen. „Diese Aufgabe nimmt etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit ein“, berichtet Renate Kunz, die neben ihrer Pflegeausbildung auch eine Qualifikation zur Diplom-Sozialarbeiterin und ein Masterstudium für Psychosoziale Beratung absolviert hat. Und natürlich ist es für sie „ideal, dass am Uniklinikum Bonn ein starkes Augenmerk auf die Betreuung der Angehörigen von Patienten gelegt wird“ und sie ihre Zusatzqualifikation dabei sinnvoll einbringen kann. Denn wenn ein Mensch schwer krank ist, stellt das für viele Angehörige eine psychische Ausnahmesituation und emotionale Überforderung dar, die sich im Extremfall sogar negativ auf den Therapieerfolg des Patienten auswirkt. „In solchen Situationen kann ich mir die Zeit nehmen, die die Kollegen auf Station nicht haben, und gemeinsam mit den Betroffenen Wege finden, eine schwere Zeit zu bewältigen.“

Hohe Qualifikation, maximales Engagement

Dass es in Deutschland so hochqualifiziertes Pflegepersonal wie Renate Kunz gibt, ist noch die Ausnahme. Pflegerinnen und Pfleger, die sich weiterbilden möchten, mussten dies oft neben der Arbeit tun und viel persönliches Engagement mitbringen. Denn die Berufsausbildung für das Pflegepersonal sah bislang im Normalfall keine akademische Komponente vor. „In dieser Hinsicht hinkt Deutschland anderen europäischen Ländern hinterher“, kritisiert die Pflegewissenschaftlerin Dr. Barbara Strohbücker vom Uniklinikum Köln. Denn unbestritten bieten die bestehenden Berufsausbildungswege in Deutschland eine fundierte Pflegeausbildung. Doch die Entwicklungen im Gesundheitswesen zeigen einen wachsenden Bedarf an Pflegekräften, die auch für komplexere Anforderungen Verantwortung übernehmen können. Deshalb forderte der Wissenschaftsrat bereits 2012, das Fachpersonal in komplexen Aufgabenbereichen der Pflege „künftig an Hochschulen auszubilden.“ Der Wissenschaftsrat berät Bund und Länder in Fragen der inhaltlichen Weiterentwicklung des Hochschulsystems sowie der staatlichen Förderung von Forschungseinrichtungen. Durch die Reform der Pflegeausbildung kann der Titel Pflegefachfrau / Pflegefachmann dann erstmals auch im Rahmen eines Bachelorstudiums erworben werden. Die gewonnenen analytischen Fähigkeiten sollen die akademischen Pflegekräfte unterstützen, pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis anzuwenden und somit die Versorgungsqualität verbessern.

Akademische Pflegekräfte direkt am Krankenbett

Am Uniklinikum Freiburg engagiert sich Dr. Johanna Feuchtinger seit vielen Jahren für mehr wissenschaftliche Pflegekompetenz. „Deutschlandweit schätze ich den Anteil der Pflegekräfte mit akademischem Abschluss auf ein bis zwei Prozent“, sagt die Pflegewissenschaftlerin. Gleichwohl sei es in Freiburg durch intensive Personalentwicklung gelungen, einen außergewöhnlich hohen Anteil an Mitarbeitern zu gewinnen, die einen berufsspezifischen Bachelor- oder Masterabschluss in der Tasche haben. Das sei auch nötig, „damit die Fachkompetenz wirklich ans Krankenbett gelangt“, sagt Feuchtinger, weil die „raren hochqualifizierten Kräfte sonst häufig von der Verwaltung absorbiert werden“. In Freiburg hingegen seien alle Pflegekräfte mit Bachelorabschluss direkt am Patienten beschäftigt, bei den Master-Absolventen gilt das für 30 bis 50 Prozent ihrer Arbeitszeit. Darunter sind 16 „Pflegeexperten“ mit einem Master – so wie Matthias Naegele. Naegele begann 1996 in der Freiburger Uniklinik als Gesundheits- und Krankenpfleger und ist seit 2008 Pflegeexperte in der Klinik für Innere Medizin. Dort hat er sich auf die Betreuung von Patienten mit Multiplem Myelom spezialisiert.

Diese Blutkrebserkrankung greift die Zellen des Knochenmarks an und wird in der Regel mit Chemotherapien und einer Stammzelltransplantation behandelt. „Diese Behandlung bedeutet für die Patienten große psychische und körperliche Belastungen, oft über einen langen Zeitraum“, weiß Matthias Naegele. Mit vielen Patienten sei er deshalb über lange Zeit in Kontakt und stehe auch als Ansprechpartner bereit, wenn sie nicht in der Klinik sind. Seine Erfahrungen publiziert Pflegeexperte Naegele regelmäßig und vertieft sein Wissen mit relevanten Fachinformationen – „dazu wäre ich ohne mein Masterstudium sicher nicht in der Lage“, resümiert er. Außerdem habe er durch seine Qualifikation auch seine medizinischen Fertigkeiten ausgebaut: „Ich nehme beispielsweise häufig Knochenmarkpunktionen vor, eine Prozedur, die für den Patienten unangenehm ist und bei fehlender Übung auch recht schmerzhaft sein kann.“ Das sei, so Naegele, eigentlich eine ärztliche Aufgabe. „Da aber die Dienste der Ärzte häufig rotieren und viele Patienten eine bekannte Bezugsperson wünschen, habe ich mich entsprechend weitergebildet und diese Aufgabe übernommen.“ Hinzu kommt, dass die Ärzte oft dankbar sind für die Entlastung.

Verantwortung für mehr Menschlichkeit

Im Stationszimmer von Renate Kunz klingelt das Diensthandy. Die Neurochirurgie fordert ein Gespräch für Eltern einer Patientin an. Die 19-jährige Frau möchte ihren Kampf gegen den Krebs nach fünf Jahren aufgeben und alle Therapien beenden. „Da sind die Eltern in einer extremen Belastungskrise und reagieren mit unterschiedlichen, verständlichen Verhaltensweisen und Gefühlen. Väter wollen oft Stärke zeigen, Mut machen und weiterkämpfen. Mütter können meist eher innehalten und es aushalten, den belastenden Gefühlen und dem Abschied Raum zu geben“, so Kunz. Langjährige Berufs- und auch eigene Lebenserfahrung seien in den Angehörigengesprächen zweifellos wichtig, sagt die Mutter von vier Kindern. „Aber in der professionellen Beratung der Angehörigen sind in einer Uniklinik neben einer hohen Empathiefähigkeit eben auch fundierte Kenntnisse und Methoden in den Bereichen Psychologie, Kommunikation und Krisenintervention erforderlich. Diese Aufgabe kann ich nur aufgrund meines Masterstudiums gut erfüllen und weil das Universitätsklinikum Bonn die Unterstützung von Angehörigen als wichtigen Baustein in der Patientenversorgung integriert“, sagt Renate Kunz. Aber dann muss sie wirklich los.

 

Akademisierung der Krankenpflege in den Ländern

 

Matthias Naegele und Prof. Dr. M. Engelhardt, UK Freiburg

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