Schonende
Behandlung

Schonende Behandlung

Suche nach dem besten Weg

Immer wieder fragen sich die Mediziner an den Universitätskliniken, wie sie ihre Patienten noch besser behandeln können. Auch deshalb werden heute zunehmend Patienten minimalinvasiv und damit schonender operiert. Und es werden neue Methoden entwickelt, um das Ergebnis der teils hochkomplexen Eingriffe zu verbessern.

Wenn sich der Neurochirurg Dr. Rupert Reichart in die hochsensiblen Tiefen des menschlichen Gehirns wagt, dann vertraut er auch auf die Kraft der Hypnose. Das Universitätsklinikum Jena, an dem der Mediziner und sein Team arbeiten, ist eins der wenigen Zentren weltweit, an dem eine Tiefe Hirnstimulation unter Hypnose durchgeführt wird. Sein Patient litt an starkem Zittern der Hände, Tremor genannt. Auch Medikamente konnten die Beschwerden nicht lindern. Das Essen und Schreiben fiel dem 73-Jährigen aus Thüringen schwer, die Kontrolle über seine Hände hatte er schon lange verloren. Dagegen helfen können sogenannte Hirnschrittmacher, feine Elektroden, die tief in das Gehirn implantiert werden. Dafür bohren die Mediziner den Kopf auf und positionieren dort Sonden. Millimeter für Millimeter wagen sie sich im Gehirn voran und prüfen, welche Wirkung dies hat: ein hochkomplexer Eingriff, bei dem die Chirurgen extrem vorsichtig und hochkonzentriert vorgehen müssen. Schließlich sollen andere Teile des Gehirns, wie der für die Sprache, nicht geschädigt werden, der Patient aber auch ein optimales Operationsergebnis erfahren.

Die „Tiefe Hirnstimulation“ gibt nicht nur Tremor-Betroffenen neue Hoffnung auf Heilung oder Minderung der Beschwerden. Am Universitätsklinikum Bonn haben Mediziner mit Magnetspulen das Gehirn von depressiven Patienten stimuliert. Diese schmerzfreie, sanfte und schonende Behandlung der Depression hat in ersten Studien bereits Erfolge gezeigt. Und am Universitätsklinikum Freiburg wurden Tremor- oder Parkinson-Patienten ebenfalls mit einer „Tiefen Hirnstimulation“ therapiert – jeweils bei vollem Bewusstsein. So konnten die Mediziner ständig kontrollieren, ob und welche Wirkung die einzelnen Sonden im Gehirn erzielen. An anderen Kliniken wird das Gehirn unter Narkose stimuliert.

Bei diesen Eingriffen bringt die in Jena angewandte Hypnose einen entscheidenden Vorteil: „Wenn wir den Patienten auch nur leicht sedieren, werden die zu testenden Reaktionen abgeschwächt oder verschwinden gar ganz“, sagt Dr. Rupert Reichart. Anders als der Laie erwarten würde, können sich Patienten gerade in der Ausnahmesituation einer Operation besonders gut auf die Hypnose einlassen. „Je höher die Anspannung ist, desto größer ist die Wirkung“, erklärt der Neurochirurg das Prinzip. Sollte es während der Hirnstimulation zu Komplikationen kommen, steht ein Anästhesieteam bereit. Zudem sind Neurologen anwesend, die mit motorischen Tests die Wirkung der Stimulation kontrollieren.

Bisher haben die Jenaer neun Patienten unter Hypnose tiefenstimuliert. Auch bei Eingriffen am Rückenmark kommt Hypnose zum Einsatz. „Wir sehen durchaus Ansätze, wonach der Heilungsverlauf beim Einsatz von Hypnose deutlich besser ist“, sagt der Neurochirurg. So leiden Parkinson-Patienten nach einer Vollnarkose unter einer deutlich verzögerten Aufwachphase, die sich über mehrere Tage hinziehen kann. Das entfällt bei der Hypnose. „Und gerade Patienten, die keine Narkose vertragen, können davon profitieren“, sagt er.

Moderne OP-Methode gegen Leberkrebs

Leberkrebs im fortgeschrittenen Stadium kam bisher für viele Patienten einem Todesurteil gleich. Doch mit einer neuen Operationsmethode kann jetzt Betroffenen geholfen werden. Leber-in-situ-Splitting heißt das Verfahren, das der Viszeralchirurg Prof. Dr. Stefan Fichtner-Feigl am Universitätsklinikum Regensburg mitentwickelt und ans Universitätsklinikum Freiburg gebracht hat. Das Leberin-situ-Splitting besteht aus zwei getrennten Operationen. Zunächst trennen die Ärzte das gesunde Lebergewebe von dem befallenen. Die Blutversorgung des kranken Teils wird teilweise unterbrochen, er bleibt aber noch im Körper und kann so zu einem gewissen Grad noch die Funktionen der Leber erfüllen. In den nächsten sieben bis zehn Tagen wächst der gesunde, aber eigentlich zu kleine Teil der Leber fast auf das Doppelte an. „Würden wir den kranken Teil gleich entfernen, würde der gesunde Teil die Arbeit nicht schaffen, der Patient würde sterben.

Erst wenn der gesunde Teil groß genug ist, um alleine sämtliche Funktionen zu übernehmen, entfernen wir den kranken Teil komplett“, sagt Fichtner-Feigl. Das Splitting ist höchst kompliziert. Die Ärzte müssen darauf achten, Gallenwege und Blutgefäße nicht zu beschädigen. Hier hilft den Medizinern die Technik. So können sie vor und während der Operation eine dreidimensionale Bildgebung nutzen, die eine präzise Planung und Durchführung der Operation ermöglicht. Mittels eines Leberfunktionsmessgeräts lässt sich die Arbeit der Leber permanent kontrollieren.

Zusammen mit Prof. Dr. Dr. Philipp Tobias Meyer von der Klinik für Nuklearmedizin haben die Leberexperten eine weitere Neuerung entwickelt: Mit einem nuklearmedizinischen Test kann der beste Zeitpunkt für die zweite Operation bestimmt werden. Der Patient bekommt einen radioaktiven Stoff gespritzt und die Ärzte können genau sehen, wie viel davon sich in den Leberzellen anlagert, und entscheiden, ob der kranke Teil der Leber schon endgültig entfernt werden kann. „Das ist noch einmal ein großes Plus für die Patientensicherheit“, sagt Fichter-Feigl. Das Leber-in-situ-Splitting wird angewandt, wenn zu viel Lebergewebe weggenommen werden muss. Es ist wichtig, dass mindestens 20 Prozent gesunde Leber im Körper bleiben. Läge der Anteil darunter, könnte sich die Leber nicht mehr regenerieren.

Bei einer der ersten Patientinnen, die im Universitätsklinikum Freiburg mit dem Leber-in-situ-Splitting operiert worden ist, haben im Vorfeld mehrere Chirurgen einen Eingriff verweigert. „Bei ihr waren die Tumore so verteilt und groß, dass nur 18,5 Prozent der Leber übriggeblieben wären, hätten wir die Tumore mit der herkömmlichen Methode entfernt“, sagt Prof. Dr. Sven Lang, Leitender Oberarzt an der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Stattdessen haben die Freiburger Ärzte den kranken und gesunden Teil getrennt und eine gute Woche gewartet. Der gesunde Teil ist gewachsen und machte dann 33 Prozent der Gesamtleber aus – genug, um wieder ganz gesund zu werden. „Wir haben die Tumore entfernt und der Frau geht es heute sehr gut“, sagt Lang. Inzwischen haben bereits viele weitere Patienten ihr Leben dem Leber-in-situ-Splitting zu verdanken.

 

Prof. Dr. Stefan Fichtner-Feigl hilft mit dem Leber-in-situ-Splitting-Verfahren Patienten, die an Leberkrebs leiden

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