Starker Halt
in schweren Stunden

Palliativmedizin

Brückenteams begleiten Sterbende

Das Brückenteam des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden begleitet Sterbende auf ihrem letzten Weg. 24 Stunden täglich in Bereitschaft kümmern sich die Mitarbeiter um die körperlichen und seelischen Probleme ihrer Patienten. Nicht selten müssen sie auch mit familiären Konfliktsituationen umgehen.

Wenn von Palliativmedizin die Rede ist, haben viele sofort ein klares Bild vor Augen. Das Fachgebiet wird unmittelbar mit dem Tod assoziiert. Doch wer glaubt, die Arbeit der Pflegekräfte und Ärzte sei immer nur traurig, mache schwermütig und grüblerisch, der irrt. Vielmehr handelt es sich um eine professionelle Begleitung, die so einiges regeln, wichtige Fragen beantworten und die Allgegenwärtigkeit des Abschieds erträglicher gestalten kann. Und durchaus ist auch hier Platz für Humor und Heiterkeit, versichern langjährige Pflegekräfte wie Birgit Helbig. Sie ist die Pflegerische Leiterin der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) am Uniklinikum Dresden. Das sogenannte Brückenteam kümmert sich um Patienten im Stadtgebiet Dresden – pflegerisch, ärztlich, seelsorgerisch und in sozialen Fragen. Damit bildet das Uniklinikum alle vier Säulen der Palliativversorgung ab. „Die Universitätsklinika mit ihrem breiten Leistungsangebot begleiten Patienten oft vom Beginn ihres Lebens bis hin zum Tod.

Unsere Aufgabe ist es, den Patienten ihre letzte Lebenszeit so erträglich wie möglich zu machen. Wenn sie zu uns kommen, dann wissen die meisten, dass keine Heilung mehr möglich ist. Wir treten an einem Punkt in ihr Leben, wo das Ende bevorsteht. Und nicht selten werden wir Zeugen persönlicher und innerfamiliärer Konflikte, mit denen wir umgehen müssen.“ Der Begriff „palliativ“ ist abgeleitet vom lateinischen „palliare“, das so viel wie „mit einem Mantel umhüllen“ bedeutet. Per definitionem beschäftigt sich die Palliativmedizin mit der Behandlung von weit fortgeschrittenen Erkrankungen, die nicht mehr geheilt werden können. Hinzu kommt eine leidvolle Symptomatik wie Schmerzen, Erbrechen, Durchfall oder Atemnot. Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung beginnt dann, wenn die allgemeine Versorgung durch den Hausarzt nicht mehr ausreicht. Seit 2007 ist gesetzlich verankert, dass den Patienten diese Behandlung zusteht.

24 Stunden erreichbar

Das Brückenteam am Uniklinikum Dresden gibt es seit 2009 und es umfasst derzeit sieben Pflegekräfte und drei Ärzte. Außerdem gehören ein Seelsorger und Sozialarbeiter zum Team. Die Pflegekräfte haben lange Berufserfahrung und eine Zusatzausbildung in Palliative Care (Palliativpflege). Gearbeitet wird im regulären Tagdienst, in dem dringende und geplante Hausbesuche beim Patienten stattfinden. Danach hat eine der Pflegekräfte Rufbereitschaft. „Die betreffende Kollegin nimmt dann unser Diensthandy, den Notfallrucksack, Laptop, Medikamente und ein Auto mit nach Hause“, erklärt Birgit Helbig. „Wir sind 24 Stunden erreichbar und wenn nachts um 2 Uhr das Handy klingelt, dann fahren wir los. Sollte es nötig sein, können wir jederzeit einen Arzt anfordern.“ Wendet sich ein Patient mit einer Überweisung oder aus eigener Initiative an das Brückenteam, dann gibt es einen ersten Besuch zu Hause oder im Pflegeheim – je nachdem, wo der Betroffene lebt.

Der Erstkontakt ist zeitlich nicht limitiert und dauert in der Regel zwei bis zweieinhalb Stunden: „Das schätzen unsere Patienten besonders. Wir nehmen uns Zeit, hören zu und machen uns ein genaues Bild der aktuellen Lebenssituation – ohne auf die Uhr zu schauen“, so Helbig. „Wir klären, was der Patient braucht, ob wir den Therapieplan optimieren oder Dinge wie die Beschaffung eines Rollstuhls erledigen können. Natürlich fragen wir auch, welche seelischen Probleme den Patienten beschäftigen.“ Nach zwei bis drei Tagen findet ein zweiter Besuch statt, bei dem geschaut wird, ob der Patient alles verstanden hat. Regelmäßige Besuche sind nicht vorgesehen, das wird nach Bedarf entschieden. Normalerweise wird aber mindestens einmal in der Woche telefoniert. Durchschnittlich 28 Tage befinden sich die Patienten in der Betreuung des Brückenteams.

In familiären Grenzsituationen die Nerven behalten

„Wichtig ist, für sich eine Möglichkeit der Abgrenzung zu finden. Wir müssen professionell bleiben, um wirklich Hilfe leisten zu können“, sagt Birgit Helbig. Sie selbst ist gelernte Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege und hat 15 Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet. „Das war für mich sehr viel anstrengender, denn in diesem Bereich wird hart um das Überleben des Patienten gekämpft. In der Palliativpflege aber geht es darum, einen guten Weg aus dem Leben zu finden. Das ist auch die Philosophie unseres Brückenteams.“ Etwa 70 Patienten versorgt das Team gleichzeitig. Dreimal im Jahr finden für die Pflegekräfte unterstützende Gesprächsangebote statt. Wer möchte, kann auch jederzeit um ein Einzelgespräch bitten. Erfahrungsgemäß ist es nicht das Versterben selbst, das die Versorgenden psychisch belastet, sondern die familiären Grenzsituationen, die sich mitunter ergeben: „Manchmal werden wir mit Konflikten konfrontiert, die wir nicht lösen können. Da ist ein Vater mit seinem Sohn so zerstritten, dass kein Kontakt mehr zustande kommt. Oder eine junge Mutter hinterlässt zwei Kinder im Vorschulalter. Das ist sehr hart und natürlich leiden wir auch ein Stück mit. Aber wir können uns nur begrenzt in die familiären Strukturen einmischen. Dennoch versuchen wir immer, Wege zu ebnen und möglich zu machen, was geht.“ An ihre Grenzen stieß Birgit Helbig im vergangenen Jahr, als ihr Vater im Sterben lag und vom Brückenteam versorgt wurde. Plötzlich befand sie sich in einer Doppelrolle: Sie war Tochter und Pflegekraft zugleich. „Ich weiß jetzt, wie sich die Angehörigen fühlen und was es bedeutet, mit dieser Endlichkeit umzugehen. Sie ist unausweichlich.“

Für Birgit Helbigs Vater konnte alles geregelt werden, er ist im Kreise der Familie gestorben. „Die meisten Menschen beschäftigen sich ja nicht mit dem Tod, wenn sie es nicht müssen“, betont Birgit Helbig. „Ich weiß nicht, welche Behandlungen ich für mich zulassen würde. Ich habe mir aber in dieser Zeit Gedanken gemacht, was ich mir in so einer Situation gewünscht hätte. Das habe ich in einer Patientenverfügung festgelegt. Zusätzlich habe ich auch eine Vorsorgevollmacht, damit meine Familie Entscheidungen für mich treffen kann.“ Das Brückenteam behandelt vorrangig ältere Personen. Die meisten leiden an Krebs oder einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). „Manchmal haben wir auch Patienten mit Multipler Sklerose, einmal hatten wir einen AIDS-Patienten“, berichtet Birgit Helbig. „In letzter Zeit versorgen wir immer mehr Menschen mit schweren Verläufen von Demenz. Sie verweigern die Nahrungsaufnahme oder vergessen sie schlichtweg. Dann sind die Angehörigen häufig sehr verzweifelt. Sie geben sich viel Mühe, kochen und backen, um dem geliebten Menschen zu helfen. Doch auch hier müssen alle Beteiligten irgendwann akzeptieren, dass man den Tod nicht aufhalten kann.“ Am Eingang zur Station des Brückenteams am Dresdner Uniklinikum liegt ein Gedenkbuch. Hier tragen die Schwestern das Sterbedatum jedes Patienten ein. Ein kleines Ritual, das viel bedeutet. Es ist ihre Art Abschied zu nehmen und einem Menschen, den sie auf einem wichtigen Weg begleitet haben, einen letzten Gruß zu senden.

 

 

Birgit Helbig (links) und Dr. Susanne Heller vom Brückenteam des Universitätsklinikums Dresden

 

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