VUDialoge

Neue Interviewreihe VUDialoge: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe kündigt schnelle und spürbare Verbesserungen für Uniklinika an.

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Frage
: Wie sehen Sie die Rolle der Hochschulmedizin in Deutschland?

Gröhe: Die deutschen Universitätskliniken sind ohne Zweifel ein wesentlicher Motor innovativer Spitzenmedizin und damit ein ganz wichtiger Partner im Gesundheitswesen. Bei ihnen werden fast 10% aller stationären Fälle in Deutschland behandelt – viele davon im Bereich der Intensivmedizin. Neue Behandlungsmethoden, die von Universitätskliniken mit entwickelt wurden, wie etwa computerunterstützte Operationsverfahren, insbesondere in der Neurochirurgie, gehören dazu. Und die Intensivmedizin ist heute in der Lage, den Ausfall notwendiger Organe, zum Beispiel von Herz, Kreislauf, Leber, Niere oder Lungen, zu überbrücken. Auch die Transplantationsmedizin hat vielen Menschen ein neues Leben ermöglicht. Die erfolgreiche Arbeit an den Universitätskliniken trägt also maßgeblich mit dazu bei, dass die Lebensqualität insbesondere vieler schwer erkrankter Menschen verbessert oder ihr Leben verlängert wird. Auch in Lehre und die Forschung wurde in den letzten Jahren viel vorangebracht und weiterentwickelt. Die Universitätskliniken werden auch weiterhin eine tragende Säule in unserem Gesundheitswesen sein.

Frage: Welches sind für Sie die Hauptaktionsfelder, wenn es um das Thema Zukunftssicherung der deutschen Hochschulmedizin geht?

Gröhe: Mir werden immer wieder Zweifel an einer sachgerechten Abbildung der Leistungen von Universitätskliniken im DRG-System vorgetragen. Hier wollen wir möglichst schnell zu spürbaren Verbesserungen kommen. Bereits in den vergangenen Jahren hat es zahlreiche Ausdifferenzierungen von Fallpauschalen gegeben, um die besondere Schwere der Erkrankungen von Patientinnen und Patienten, die in unseren Universitätskliniken behandelt werden, besser abzubilden. Soweit Krankenhäuser neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden erbringen, die noch nicht sachgerecht mit dem DRG-System vergütet werden, können zudem krankenhausindividuelle Entgelte vereinbart werden.

Ein Bereich, der überdurchschnittliche Behandlungskosten verursachen kann, die über das pauschalierende Entgeltsystem nicht immer gedeckt werden, ist auch der Bereich hochspezialisierter Behandlungen von Patienten mit seltenen Erkrankungen. Mit dem "NAMSE-Prozess" verfolgen wir daher das Ziel, über Zentrenbildungen ein verbessertes Wissens- und Leistungsangebot sicherzustellen. Bei der Evaluation des Prozesses im nächsten Jahr ist zu prüfen, ob die in den vorhandenen Regelvergütungen enthaltenen Finanzierungselemente ausreichend greifen oder ob Handlungsbedarf besteht.

Ergänzend zu dieser kontinuierlichen Weiterentwicklung des Fallpauschalensystems wurde bereits im letzten Jahr ein Gutachten in Auftrag gegeben, das prüfen soll, ob die besonders komplexen Leistungen der Uniklinika durch die Fallpauschalen sachgerecht abgebildet werden. Das Gutachten wird zum Jahresende vorliegen und kann dann als Basis für weitere zeitnahe Verbesserungen genutzt werden.

Um es noch einmal deutlicher zu formulieren: Wir setzen an einzelnen, klar identifizierbaren Problemen an und suchen nach Lösungen. Abstrakten Systemzuschlägen ohne Leistungsbezug stehe ich daher kritisch gegenüber.

Frage: Wie lautet das Rezept der Bundesregierung, um der Unterfinanzierung der Hochschulmedizin nachhaltig entgegenzuwirken?

Gröhe: Der Bund verstärkt auch weiterhin seine Anstrengungen im Bereich der Bildung, Wissenschaft und Forschung und entlastet zudem die Länder sehr spürbar, etwa durch die vollständige Übernahme des BAföG. Davon sollte auch die Universitätsmedizin profitieren. Außerdem haben wir in der Koalition eine Änderung des Grundgesetzes beschlossen, damit Bund und Länder künftig gemeinsam Hochschulen direkt fördern können. Damit wird eine langfristige Förderung von Hochschulen, einzelnen Instituten oder Institutsverbünden ermöglicht. In der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform der Krankenhausversorgung diskutieren wir aktuell auch über Möglichkeiten für eine bessere Finanzierung der Notfallversorgung für alle Kliniken und der besonderen Leistungen der Hochschulambulanzen. Die Universitätsklinika dürften zudem von weiteren geplanten Maßnahmen wie etwa den Qualitätszuschlägen profitieren. Aber ich sage auch ganz deutlich: Nicht der Ort, sondern die Art der Leistung, wird auch künftig bei der Vergütung stationärer Leistungen die entscheidende Rolle spielen. Und natürlich sind die Länder in der Pflicht, auch im Bereich der Universitätsklinika für eine ausreichende Finanzierung der Grundmittel zu sorgen.

Frage: Welche Bedeutung haben für Sie die 33 deutschen Uniklinika und ihre 180.000 Mitarbeiter, wenn es um den Wirtschaftsstandort Deutschland geht?

Gröhe: Universitätsklinika sind ein ganz wichtiger Arbeitgeber im Gesundheitswesen. Fast ein Fünftel aller Krankenhausärzte in Deutschland arbeitet an einer Universitätsklinik und den dazugehörigen Spezialambulanzen, Zentren oder in den Hochschulambulanzen – ganz zu schweigen von den vielen Pflegerinnen und Pfleger sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Verwaltung. Sie sind damit ein unverzichtbarer Pfeiler des Wirtschafts- und Innovationsstandorts Deutschland im Zukunftsfeld "Gesundheit". Durch ihre Forschungstätigkeit und die Kooperation mit Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden leisten die Universitätsklinika zudem einen ganz wichtigen Beitrag zum medizinischen Fortschritt.

Frage: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft warnt davor, dass die klinische und translationale Forschung an deutschen Uniklinika zurückgedrängt wird. Wie kann dieser Entwicklung entgegengewirkt werden?

Gröhe: Deutschland gehört international zu den führenden Standorten für klinische Forschung. Wir sollten unser Licht also nicht unter den Scheffel stellen. Damit das so bleibt, ist es auch wichtig, dass die neue EU-Verordnung über klinische Prüfungen jetzt schnell umgesetzt wird. Damit können unnötige Erschwernisse abgebaut werden, z.B. die oftmals langwierigen Genehmigungsverfahren für klinische Studien. Aber auch die Änderung des nationalen Rechtsrahmens, die zur Anpassung an die EU-Verordnung erforderlich ist, wird Gelegenheit bieten, bestehende Verfahren zu überprüfen mit dem Ziel die Forschung an den deutschen Universitätskliniken insgesamt zu stärken.

Frage: Welche Hausaufgaben muss die deutsche Hochschulmedizin aus Ihrer Sicht am dringendsten erledigen?

Gröhe: An erster Stelle muss immer stehen, die hohe Qualität der Versorgung weiterhin aufrechtzuerhalten. Damit dafür eine sachgerechte Vergütung sichergestellt werden kann, ist erforderlich, dass die Universitätsklinika ihre Aufgaben und Belastungen differenziert darlegen. Sowohl der Finanzbedarf als auf die Finanzströme müssen nachvollziehbar sein. "Verschiebebahnhöfe" darf es nicht geben. Auch diese Aspekte werden Thema in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform der Krankenhausversorgung sein.

Frage: Neben Ihrer politischen Perspektive – wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Hochschulmedizin zum Beispiel als Patient oder Angehöriger von Patienten?

Gröhe: Meine Heimatstadt Neuss ist umgeben von starken Universitätskliniken. Bei Besuchen von Angehörigen und Freunden habe ich immer wieder dankbar feststellen können, dass medizinische Hochleistungen und menschliche Zuwendung oftmals eine gute Einheit bilden.