"Universitätsklinikum" muss für Qualität in Forschung und Lehre stehen
Der Dachverband Deutsche Hochschulmedizin warnt vor inflationärer Titelvergabe und Qualitätsverlust
Der Dachverband Deutsche Hochschulmedizin, bestehend aus dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) und dem Medizinischen Fakultätentag (MFT), sieht die Gefahr einer inflationären Vergabe des Titels „Universitätsklinikum“. Dadurch könnte die Hochschulmedizin in Deutschland an Qualität und international an Ansehen in Forschung und Lehre verlieren. „Der Titel Universitätsklinikum stellt sehr hohe Anforderungen an das Spektrum und die Qualität in Forschung und Lehre, aber auch in der Krankenversorgung“, erklärt Professor Dr. J. Rüdiger Siewert, Vorstandsvorsitzender des VUD und der Deutschen Hochschulmedizin. Diese Vorgaben würden in jüngster Zeit von staatlicher Seite immer weniger strikt vertreten, wenn es darum ginge, neue Krankenhäuser als Universitätskliniken anzuerkennen.
Am 3. Februar 2010 hat die private Universität Witten/Herdecke bekannt gegeben, dass das nordrhein-westfälische Innovationsministerium dem Antrag der Universität zugestimmt habe und dem HELIOS Klinikum in Wuppertal die Bezeichnung "Klinikum der Privaten Universität Witten/Herdecke" verliehen werde.
Neue Universitätsklinika in Wuppertal, Oldenburg und Augsburg?
Derzeit laufen weitere Bestrebungen, Kliniken oder Klinikverbünde in Universitätsklinika umzuwandeln. So hat das Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen schon im Januar 2010 dem Städtischen Krankenhaus Köln-Merheim den Titel „Klinikum der privaten Universität Witten/Herdecke in Köln“ verliehen. Zurzeit versuchen drei Oldenburger Kliniken, durch einen Zusammenschluss ein virtuelles „Universitätsklinikum Oldenburg“ zu etablieren. Auch das Klinikum Augsburg strebt den Titel „Universitätsklinikum“ an, ebenso das städtische Klinikum Bielefeld.
Seit der Föderalismusreform I fehlt es an einer verbindlichen Festlegung für Universitätsklinika. Früher prüfte der Wissenschaftsrat entsprechende Begehren; empfahl er ein Klinikum zur Aufnahme in das HBFG-Verzeichnis (Hochschulbauförderungsgesetz, HBFG), war damit faktisch die Anerkennung als Universitätsklinikum verbunden. Seit 2007 gibt es kein HBFG mehr – die Anerkennung als Universitätsklinikum ist in das Ermessen der Wissenschaftsministerien gestellt.
„Diese Kliniken bieten zum Teil eine sehr gute Krankenversorgung und spielen häufig als Akademische Lehrkrankenhäuser eine wichtige Rolle in der Ausbildung der Medizinstudenten im Praktischen Jahr, sind aber in der klinischen Forschung noch nie nennenswert in Erscheinung getreten“, so Professor Siewert. Dies würde allerdings nicht ausreichen, um sich als Universitätsklinikum zu qualifizieren. Auch wenn einzelne Kliniken über wenige, hervorragend qualifizierte Fachabteilungen verfügten, genüge dies nicht, da das Markenzeichen der Hochschulmedizin ein vollständiger Fächerkanon inklusive vorklinischer Ausbildung durch eine Medizinische Fakultät sei.
Kriterien für hohe Anforderungen an ein Universitätsklinikum
Der Dachverband Deutsche Hochschulmedizin hat Kriterien erstellt, die von einem Universitätsklinikum zu erfüllen sind:
- Eigenständige staatliche Finanzierung zur Sicherung der Unabhängigkeit von Forschung und Lehre.
- Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät werden gemeinsam oder in enger Kooperation geleitet. Forschung und Krankenversorgung sind auf wissenschaftliche Schwerpunkte abgestimmt.
- Die Medizinische Fakultät muss in der Lehre sämtliche Fächer abdecken, die von der Approbationsordnung gefordert werden. Die klinischen Fächer sollten möglichst innerhalb eines Klinikums angesiedelt sein.
- Pro Jahr werden mindestens 150 Medizinstudenten aufgenommen.
- Mindestens 60 Professoren sind in Forschung und Lehre tätig, um die Breite und Tiefe der Fächer abzubilden.
- Als Lehrstuhlinhaber sind Klinikdirektoren gleichzeitig verantwortlich für die Forschung und Lehre in ihrem Fach.
- Universitätsklinikum und Fakultät sind dauerhaft erfolgreich bei der Einwerbung von Forschungsgeldern (Drittmittel) und publizieren hochrangig.
Desorientierung von Patienten / Knappe Landesmittel werden umverteilt
In einem Brief an den Wissenschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Professor Dr. Andreas Pinkwart, hat der Dachverband Hochschulmedizin im Januar 2010 darauf hingewiesen, dass die inflationäre und ungerechtfertigte Vergabe des Titels „Universitätsklinikum“ zu einer Desorientierung der Öffentlichkeit, bei Patienten, Studenten, Ärzte und Wissenschaftler führt. Ein solches Vorhaben würde schließlich die Entwertung der bestehenden Universitätsklinika zur Folge haben. Quantität statt Qualität wäre dann das Kennzeichen der Hochschulmedizin, dies umso mehr, als die knappen Landesmittel für Forschung Lehre nicht vermehrt, sondern nur umverteilt würden.
Berlin, 3. Februar 2010
Weitere Informationen im Internet:
Klinikum Wuppertal:
http://idw-online.de/pages/de/news353558
Klinikum Köln-Merheim:
http://idw-online.de/de/news353247
Kliniken Oldenburg:
http://www.presse.uni-oldenburg.de/uni-info/2009/2/hochschulpolitik.html
Klinikum Augsburg:
http://www.klinikum-augsburg.de/375d836/Pressemitteilungen%20Klinikum%20Augsburg.htm
Klinikum Bielefeld:
http://www.nw-news.de/lokale_news/bielefeld/bielefeld/3331667_Ein_erster_Schritt_zur_Medizin-Fakultaet.html
Kontakt :
Verband der Universitätsklinika Deutschlands e.V. (VUD)
Alt-Moabit 96
10559 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 3940517-11
Fax: +49 (0) 30 3940517-17
Email: info@uniklinika.de
Website: http://www.uniklinika.de
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